Was Thales, der Urvater der Philosophie, uns heute noch zu sagen hat.
Thales von Milet war der erste namentlich bekannte Mensch, der sich von mythischen Erklärungsmodellen gelöst hat. In heutiger Zeit, in der Mythen und Behauptungen wieder um sich greifen, kann es lohnenswert sein, sich mit Thales zu beschäftigen.
„Das Wasser ist das Beste“ ist der Ausspruch, der Thales im alten Griechenland bekannt gemacht hat. Er führte dazu, dass Thales in der europäischen Welt als erster Philosoph überhaupt bezeichnet wird. Menschen, die sich neu mit der Philosophie beschäftigen, mögen verständnislos mit den Schultern zucken. Was soll dieser Satz überhaupt bedeuten? Warum rechtfertigt er es, dass Thales von Milet bis heute als einer der größten Denker aller Zeiten angesehen wird? Schließlich wurde er nicht nur von seinen Zeitgenossen in den Kreis der „Sieben Weisen“ – einer erlauchten Gruppe bedeutender Männer im alten Griechenland – aufgenommen, sondern auch von Aristoteles und Platon als Urvater der Philosophie angesehen. Und dieses Urteil ist auch unter heutigen Philosophen unumstritten.
Wie viele seiner Zeitgenossen und philosophischen Nachfolger war Thales auf der Suche nach einer Ursubstanz, aus der das Universum und die Welt hevorgegangen sei und aus der letztendlich auch alle Dinge bestehen. Für diese Ursubstanz legte sich Thales auf das Element Wasser fest. Aus ihm sei das Universum und damit auch die Erde entstanden. Alle Dinge und Lebewesen seien aus Wasser hervorgegangen und selbst das Land schwimme auf dem Wasser, behauptete er.
Freilich würde man dem Mann, der vor ca. 2600 Jahren gewirkt hat, nicht gerecht, wenn man ihm mit heutigem Wissen auf den Leib rückte. Auch wenn man wissenschaftlich gesehen ein Körnchen Wahrheit erkennen kann – immerhin wissen wir heute, dass alles Leben aus dem Wasser kam und ohne Wasser kein Leben möglich ist – geht es nicht darum, ob dieser Satz richtig oder falsch ist. Die besondere Leistung von Thales wird erst deutlich, wenn man betrachtet, wie er zu seiner Überzeugung gekommen ist.
Von Babylon zu den alten Griechen
Tatsächlich war der Gedanke, dass alles aus Wasser hervorgeht, im alten Griechenland alles andere als neu. Er wurde aber mythisch, also mit der griechischen Götterwelt begründet. Der Ursprung aller Götter und der Welt war demnach Okeanos. Dieser war zugleich Gott und auch Personifikation eines gewaltigen Stroms, der die Erde an ihren Grenzen umspült. Die Griechen dachten sich die Welt als eine Landmasse, die von dem gewaltigen Strom Okeanos umschlossen wird und aus diesem auch hervorgegangen ist.
Wie alt dieser Gedanke ist, wird deutlich, wenn man vom alten Griechenland nach Osten schaut, zu den antiken Hochkulturen des Zweistromlandes. Dort, in der sumerischen, akkadischen, babylonischen und assyrischen Religion glaubte man an den Gott Abzu, der zugleich auch die Personifikation eines gigantischen unterirdischen Süßwasserozeans war. Die Erde schwimme nicht nur auf diesem Ozean, glaubte man weiter, sondern auch der Himmel bestehe aus diesem Ozean, der die Erde ringsum von unten bis oben umfasste. Am Himmel fuhren die Götter in Kähnen entlang, so der Glaube. Lediglich in der Mitte, zwischen Himmel und Erde, befinde sich eine Luftblase, in der sich das Leben der Menschen abspiele.
Viele weitere Parallelen zwischen dem griechischen Okeanos und dem orientalischen Abzu lassen vermuten, dass die alten Griechen kulturell von den großen Nachbarzivilisationen beeinflusst wurden und der Gedanke vom Wasser als Ursprung aller Dinge in der Menschheitsgeschichte weit zurückreicht. Dass ein intensiver kultureller Kontakt zwischen Babylonien und Milet, der Heimatstadt von Thales, bestand, gilt heutzutage als sicher. Verbunden wurden die beiden Völker durch die Lyder, mit denen Milet sich mal verbündete, mal bekämpfte und die die Rolle des kulturellen Übermittlers einnahmen. Sie sind uns noch heute durch ihren letzten Herrscher Krösus bekannt, dessen Reichtum legendär war und der von den Persern besiegt wurde.
Thales hatte also überhaupt keinen neuen Gedanken, wenn er Wasser als die Herkunft aller Dinge bezeichnete. Vielmehr griff er eine Überzeugung auf, die tief in den Mythen und den Religionen Kleinasiens verankert war und von dort zu den Griechen gekommen war. Wenn aber sein Grundgedanke uralt war, was war dann das Besondere an Thales?
Beobachtung statt Mythos
Das eigentlich Revolutionäre an Thales‘ Gedanken war die Art und Weise, wie er sie begründete. Thales beobachtete nämlich die Welt und das Leben um ihn herum und zog daraus seine Schlüsse, ohne Götter hinzuziehen zu müssen. Dabei speiste sich seine Überzeugung aus zwei Beobachtungen, vermutet Aristoteteles, der uns als erster überhaupt von Thales‘ Philosophie berichtet: Zum einen stellte Thales fest, dass die Nahrung jeglicher Lebewesen feucht sei. Aus der Nahrung gehe Leben hervor und woraus alles hervorgehe, das sei der Ursprung aller Dinge. Feuchtigkeit setzte er mit Wasser gleich. Zum anderen beobachtete er, dass auch der Samen aller Lebewesen von feuchter Beschaffenheit sei. Da auch der Samen als Ursprung des Lebens angesehen werden könne, sei es folgerichtig, Wasser als Urstoff allen Lebens anzusehen.
Während Thales also nicht die mythisch und religiös bestimmte Sicht vom Wasser als Ursprung aller Dinge in Frage stellte, war er der erste bekannte Mensch, der dies ganz ohne Götterwelt begründete, sondern nur, indem er die Natur beobachtete und daraus sein Schlüsse zog.
Damit war er ein Revolutionär im Denken seiner Zeit. Denn üblicherweise wurden Götter und Mythen herangezogen, um Sachverhalte und Fragen im Leben der Menschen zu klären. Es war keine Seltenheit, dass ein Grieche zu seiner Zeit mehrmals täglich die Götter anrief, um Hilfe bei seinen Entscheidungen zu erhalten. Orakel wurden befragt, von denen das von Delphi heute das bekannteste ist. Kaum ein griechisches Drama, in dem kein Seher vorkommt, kaum eine Tragödie, in der keine Weissagung eines Orakels eine Rolle spielt.
Auch in kleinen Lebensfragen suchten die alten Griechen den Rat der Götter, zum Beispiel, indem sie Buchstaben im Kreis schrieben, auf jeden ein Korn legten und dann ein Huhn in den Kreis führten. Das Huhn pickte natürlich die Körner auf. Die übrig gelassenen Körner aber lagen weiterhin auf ihren Buchstaben. Mit ihnen formulierte der Seher dann einen Rat oder eine Botschaft für seinen Kunden.
Man kann es daher gar nicht hoch genug ansetzen, dass Thales seine eigenen Beobachtungen und Schlüsse zur Grundlage seines Denkens machte.
Wer war Thales?
Es ist wohl die Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet der Mann, der sich als erster in seinem Denken vom Mythos löste, selbst zum sagenumwobenen Mythos wurde. Leider wissen wir nämlich erschreckend wenig über das Leben dieses Mannes und es fällt zuweilen schwer, die ihm später angedichteten Mythen und Anekdoten von der Realität zu trennen. Was wir relativ sicher wissen, ist recht schnell erzählt: Geboren ist er wahrscheinlich um das Jahr 624/23 v. Chr. Damit lebte Thales in der archaischen Zeit, der Vorgängerperiode der griechischen Klassik, in der die großen griechischen Philosophen wie Platon, Aristoteteles oder Sokrates gewirkt haben. Da man die griechische Klassik in philosophischer Hinsicht mit Sokrates beginnen lässt, zählt Thales zu den sogenannten Vorsokratikern, von denen interessanterweise die ersten drei aus der Stadt Milet stammten.
Heute ist Milet eine unbewohnte Ausgrabungsstätte nahe der Stadt Izmir an der türkischen Mittelmeerküste. Zu Thales‘ Lebzeiten war die Stadt aber eine exzellent vernetzte griechische Handelsstadt mit Verbindungen bis nach Ägypten und durch ihre Nachbarn, die Lyder, mit Kontakten zu den kleinasiatischen Großreichen. Zu Ägypten pflegte man nicht nur Handelsbeziehungen, sondern auch milesische Söldner dienten zahlreich in dem mächtigen Land am Nil. Die erste griechische Niederlassung in Ägypten war ein Fort mit milesischer Besatzung, die bedeutendste war Taphnae von 610-560 v. Chr. Gut möglich, dass Thales diese griechische Niederlassung besuchte, denn er soll als junger Mann Ägypten bereist haben und von dort den Griechen die Geometrie mitgebracht haben, welche von seinen Landsmännern dann so begeister betrieben werden sollte.
Zwei seiner geometrischen Erkenntnissen sind uns bis heute erhalten: dass sich die Entfernung eines Schiffes auf See durch die Beobachtung von zwei Landpunkten aus berechnen lässt und dass sich die Höhe einer Pyramide nach der Länge ihres Schatten schätzen lässt. Ohne seine Verdienste schmälern zu wollen, muss aber erwähnt werden, dass die Ägypter bereites wesentlich genauere Methoden zu Berechnung der Pyramidenhöhe kannten.
Der nach ihm benannte geometrische „Satz des Thales“, den noch heute jeder Grundschüler lernt, nämlich dass alle von einem Halbkreis umschriebenen Dreiecke rechtwinklig sind, wurde ihm wahrscheinlich erst nachträglich und fälschlich zugeschrieben.
Ferner berichtet Aristoteles, Thales lehrte, der Magnet trage eine Seele in sich, weil er Eisen anziehe und alle Dinge seien von Göttern erfüllt. Thales habe damit wahrscheinlich die Seele als Bewegungsursache betrachtet, so Aristoteles, von dem wir vieles über Thales erfahren, was wir heute wissen. Von Thales selbst sind keine schriftlichen Quellen erhalten. Aristoteles lebte 200 Jahre sspäter und hat Thales für seine eigenen Zwecke genutzt, was man stets bedenken muss, wenn man ihn hinzuzieht. Der zweite heute bekannte Bericht über Thales stammt von Diogenes Laertios und wurde erst 800 Jahre nach Lebzeiten des Thales verfasst. E ist daher mit besonderer Vorsicht zu genießen.
Was Thales in seinem Leben tat, wie er seinen Lebensunterhalt verdiente und ob er so etwas wie eine philosophische Schule gründete, wie viele der späteren Philosophen im alten Griechenland, das alles wissen wir heute nicht. Nichts ist von ihm selbst erhalten geblieben. Es ist zwar möglich, dass er eine gewisse Rolle in der Politik seiner Polis spielte, denn Herodot nennt ihn als Ratgeber der Milesier. Genaues wissen wir heute aber nicht.
Vom Vordenker zum Mythos
Die Mythen und Anekdoten, die sich um Thales ranken, sind weit umfangreicher als das gesicherte Wissen, was wir über ihn haben. So ist Thales als erster Mensch in die Geschichte eingegangen, der eine totale Sonnenfinsternis auf das Jahr genau vorhergesagt haben soll. Laut Herodot soll er das Jahr für die Sonnenfinsternis vom 25. Mai 585 korrekt vorhergesagt haben. Lange hat man angenommen, dass bereits die Babylonier die Zyklen für Sonnenfinsternisse erkannt hatten und Thales dieses Wissen übernommen und weiterentwickelt hat. Heutzutage gilt es aber als zweifelhaft, ob zu Thales Zeiten schon das Wissen existierte, eine Sonnenfinsternis auf das Jahr genau vorherzusagen. Die Genaue Vorhersage ist also entweder im Reich der Mythen anzusiedeln oder war schlicht und ergeifend Glück.
Auch die Anekdoten, die uns über Thales überliefert wurden, sind zwar unterhaltsam, müssen aber wohl als nachträglich angedichtet gesehen werden. So berichtet Platon „Thales […] fiel, als er sich mit den Sternen beschäftigte und nach oben blickte, in einen Brunnen. Da soll ihn eine witzige und reizende thrakische Magd verspottet haben, weil er zwar die Dinge am Himmel zu erkennen begehre, ihm aber, was ihm vor den Füßen liege, entgehe.“
Aristoteteles behauptet wiederum, er soll aufgrund seiner astronomischen Kenntnisse eine große Olivenernte prognostiziert und daraufhin gewinnbringend in Ölpressen investiert haben: „Man hielt ihm […] aufgrund seiner Armut vor, dass die Philosophie eine nutzlose Beschäftigung sei. Da er nun infolge seiner Sternbeobachtung erkannt hatte, dass es eine reiche Olivenernte geben werde, soll er noch im Winter […] für alle Ölpressen in Milet und Chios Anzahlungen hinterlegt und sie, da niemand dagegenhielt, für einen geringen Betrag gemietet haben. Als aber der rechte Augenblick gekommen war, und gleichzeitig und plötzlich ein hoher Bedarf an Ölpressen entstand, habe er sie zu seinen Bedingungen vermietet und viel Geld dabei gemacht. Er habe damit bewiesen, dass es für Philosophen leicht sei, reich zu werden, wenn sie nur wollten, es jedoch dies nicht sei, wonach sie strebten.“
Dass Thales nachträglich viele Leistungen und Anekdoten angedichtet wurden, beweist letztendlich, wie hoch die nachfolgenden Generationen ihn ansahen. Wer so weise war, dem konnte man auch glaubhaft weitere Weisheiten und Leistungen zuschreiben. Thales selbst wäre darüber vielleicht wenig erfreut gewesen. Denn seine eigentlich größte Leistung lag nicht in all den Weisheiten, Anekdoten oder klugen Schachzügen, die ihm angedichtet werden, sondern in dem, was wir mit einiger Sicherheit über ihn wissen. Thales hat sich in seinen Grundannahmen zwar nicht von den Mythen und der Götterwelt seiner Zeit gelöst. Dass alles vom Wasser kam und die Welt aus Wasser entstanden ist, war eine uralte Idee, die nichteinmal die Griechen selbst sich ausgedacht sondern aus Kleinasien übernommen haben. Er hat aber eine neue Art zu denken eingeführt. Denn auch wenn seine Begründung uns vielleicht aus heutiger Sicht nicht überzeugt, hat er doch als erster uns bekannter Mensch Beobachtung und rationales Denken zur Grundlage seiner Erkenntnisse gemacht. In Zeiten, in denen man oft versucht ist, lieber ein Youtubevideo zu schauen oder KI zur Hilfe zu nehmen, als sich auf die Kraft der eigenen Gedanken zu verlassen, kann es daher nicht schaden, sich den Vater der Philosophie in Erinnerung zu rufen.
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