Rezension: „Eine afrikanische Geschichte Afrikas“ von Zeinab Badawi

Zeinab Badawi ist ein echter Erfolg gelungen. Ihr Buch รผber die Geschichte Afrikas hat international fรผr Aufmerksamkeit gesorgt und war zugleich ein wahrer Bestseller. Offensichtlich ist es der Autorin geglรผckt, eine breite Leserschaft fรผr die Geschichte Afrikas zu interessieren. Das hat vor ihr zuletzt Howard W. French mit seinem Werk „Afrika und die Entstehung der modernen Welt“ erreicht, das รคhnliche Erfolge in den Medien und auf den Bรผchertischen feierte. Dass beide Autoren sich als erfolgreiche Journalisten darauf verstehen, nicht nur informierend sondern auch unterhaltsam zu schreiben, ist sicherlich ein Grund fรผr ihre Erfolge – aber wahrscheinlich nicht der einzige. Vielmehr ist das Interesse an der Geschichte Afrikas im Zuge der Debatten um Kolonialismus, Beutekunst und menschlichen รœberreste in westlichen Museen merklich gestiegen. Wer aber ist die Autorin und was erwartet die Leser ihres Buches? Und in wiefern lohnt sich die Lektรผre?

Vor der Kamera fรผr die BBC

Dem internationalen Publikum ist Zeinab Badawi schon lange als Nachrichtenmoderatorin und Journalistin fรผr die BBC bekannt. Dort moderiert sie nicht nur verschiedene internationale Nachrichtensendung wie „World News Today“ sondern auch regelmรครŸig die Interviewsendung „Hard Talk“, in der sie unter anderem den damaligen sudanesischen Prรคsidenten Omar-Al Bashir befragt hat. Ebenfalls fรผr die BBC hat sie 2014 รผber die Wahlen in Sรผdafrika berichtet. Im Sudan geboren zog sie bereits als Kleinkind mit ihre Familie nach GroรŸbritannien, wo sie nach dem Schulabschluss unter anderem die Geschichte des Mittleren Ostens, Philosophie, Politik und Wirtschaft studierte. Journalistisch mit der Geschicht Afrikas beschรคftigt hat sie sich, als sie ebenfalls fรผr die BBC die neunteilige Dokumentation „The History of Africa“ moderierte, wofรผr sie quer durch den Kontinent reiste und seine Geschichte vor Ort prรคsentierte. Viele der dort bereisten Orte und befragten Experten tauchen auch in ihrem 2024 erschienenen Buch auf.

Vom Beginn der Menschheit bis zum Ende der Unterdrรผckung

Zeinab Badawi spannt einen weiten Bogen vom Beginn der Menschheit bis zur Befreiung vom Kolonialismus. Fรผr jedes Kapitel bereist sie andere Lรคnder und Orte und spricht mit afrikanischen Experten vor Ort. Dabei handelt es sich um eine รœberblicksdarstellung, die keinen Anspruch auf Vollstรคndigkeit erhebt. So schildert sie beispielsweise ihre Eindrรผcke in Addis Abeba und Axum in ร„thiopien, besucht Timbuktu, beschreibt Feiern der Asante in Ghana, schreibt von Sansibar aus รผber den islamischen Sklavenhandel und besucht die Ruinen von GroรŸ-Simbabwe. Dabei spricht sie meist mit afrikanischen Historikern vor Ort, deren Stellungnahmen sie ausfรผhrlich zitiert. Gelegentlich kommen auch traditionelle Herrscher, wie der Kรถnig der Asante, Asantehene Osei Tutu II oder Nachkommen bedeutender Afrikaner, wie der Neffe von Patrice Lumumba zu Wort. Das letzte Viertel des Buches nehmen der Sklavenhandel und der Kolonialismus sowie der Befreiungskampf der Afrikaner ein. Oft stellt die Autorin Einzelpersonen in den Mittelpunkt, um Konzepte und Geschehnisse anschaulich zu erklรคren, beispielsweise das Schicksal befreiter Sklaven, die sich spรคter erfolgreich in der Antisklavereibewegung engagieren oder aber auch Freiheitskรคmpfer und nationale Fรผhrerpersรถnlichkeiten wie den ersten ghanaische Prรคsident Kwame Nkrumah. Mit der Befreiung Afrikas von europรคischer Zwangsherrschaft endet das Buch. Allerdings gibt es Lรผcken, denn eine vollstรคndige Behandlung der gesamten Geschichte Afrikas wรคre mit diesem Ansatz schwer umsetzbar. Wenn man sich also รผber ein bestimmtes Thema informieren mรถchte, lohnt sich vor der Lektรผre ein Blick ins Inhaltsverzeichnis, um sicher zu gehen, dass man auch fรผndig wird.

Eine unterhaltsame Reise durch das vergangene und heutige Afrika

Wer zu diesem Buch greift wird sich mit Sicherheit nicht langweilen. In journalistisch lockerem Ton nimmt Zeinab Badawi den Leser mit durch die Geschichte des Kontinents, die sie gekonnt mit der Gegenwart verknรผpft. Sie erweist sich als unterhaltsame Erzรคhlerin, die historische Ereignisse und Zusammenhรคnge nicht nur verstรคndlich, sondern auch lebhaft schildert und erklรคrt. Fakten, Details und Hintergrรผnde zu einzelnen historischen Themen wecken Lust auf vertiefende Lektรผre. Ihre Reiseschilderungen sind eindringlich, die Begegnungen mit unterschiedlichstenen Experten und Zeitzeugen abwechslungsreich und stets wertschรคtzend geschrieben. Immer wieder streut sie auch sehr persรถnliche Bemerkungen ein. Dabei nimmt sie oft Bezug zu ihrer eigenen Familiengeschichte im Sudan und lรคsst ihre Verwandten oder Eltern zu Wort kommen. Die Leser erfahren durch ihre Augen die historischen Stรคtten und auch Szenen aus dem heutigen Leben in Afrika. Manchmal fรผhlt man sich wie vor Ort und meint selbst durch die Ruinen karthagischer Stรคdte oder Sklavenfestungen in Westafrikas zu wandeln.

Eine afrikanische Geschichte

Der subjektive Zugang zu ihrem Thema macht das Buch von Zeinab Badawi unterhaltsam, informativ und lesenswert. Obwohl die รœberblicksdarstellungen zum Teil detailliert und immer inhaltlich korrekt sind, ist es aber kein wissenschaftliches Buch. Das wird spรคtestens beim Blick in die sehr รผbersichtliche Bibliographie deutlich. Hier werden kaum Bรผcher, dafรผr aber zahlreiche Interviews mit afrikanischen Experten aufgelistet. Meistens handelt es sich um Historiker oder Archรคologen. Diese Gesprรคche bilden die Basis fรผr die Darstellungen im Buch. Im Grunde genommen handelt es sich also um ein Beispiel von „Oral History“ mit nur wenigen schriftlichen Quellen. Dies bedeutet nicht, dass es inhaltliche Fehler oder Ungenauigkeiten gibt. SchlieรŸlich sind alle Experten Professoren ihres Faches. Wer aber ein akademisch fundiertes Buch mit breiter bibliographischer Basis sucht, sollte zu anderen Werken greifen.

Obwohl das Buch รผbersichtlich und nachvollziehbar gegliedert ist, fรคllt auf, dass gegen Ende die Unterkapitel etwas an Stringenz verlieren. So erfรคhrt man unter der Unterschrift „ร„thiopien“ nur in den ersten Zeilen etwas รผber das Land am Horn von Afrika, wรคhrend sich der GroรŸteil des Kapitels anderen Themen widmet. ร„hnliches widerfรคhrt dem Leser einige Seiten weiter bei „Guinea“. Nur ein Bruchteil dieses Unterkapitels widmet sich diesem westafrikanischen Land.

Insgesamt ist Zeinab Badawis Werk eine รคuรŸerst informative und lehrreiche รœberblicksdarstellung รผber die Geschichte Afrikas, die keinen Anspruch auf Vollstรคndigkeit erhebt. Sowohl Laien als auch Leser mit Vorwissen kรถnnen hier ihr Wissen erweitern. Darรผber hinaus macht der journalistische und subjektive Ansatz das Buch nicht nur spannend und unterhaltsam, sondern fรผhrt dazu, dass die Begeisterung der Autorin fรผr die Geschichte Afrikas auf den Leser รผberspringen kann.

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