Anaximenes: Vor oder zurück?

Als dritter Naturphilosoph aus Milet wird Anaximenes nach Thales und Anaximander oft etwas stiefmütterlich behandelt. Meist sieht man in seiner Philosophie bloß den Versuch, Anaximanders Ideen fortzuentwickeln. Dabei wird oft die Frage gestellt, ob sein Ansatz als Fort- oder Rückschritt angesehen werden muss. Diese Frage wird ihm aber nicht gerecht, denn Anaximenes verrät uns nicht nur, wie Anaximander einige seiner Ideen gemeint haben könnte, sondern beeinflusst auch zahleiche Philosophen nach ihm.

Anaximenes steht ein wenig im Schatten von Anaximander. Mit einem vermuteten Geburtsjahr von 885 v. Chr. in Milet war er wahrscheinlich der Schüler seines berühmten Vorgängers. Anaximenes hat ein eigenes Konzept der „Arche“, also des Urstoffs allen Seins, entwickelt und auch eine eigene Kosmonogie, also eine Theorie von der Entstehung der Welt und dem Aufbau des Universums.

Alles ist Luft

Der Urstoff allen Seins ist Luft, so Anaximenes. Nach dem eher abstrakten aber auch etwas rätselhaften Apeiron von Anaximander scheint diese These auf den ersten Blick eher ein Rückschritt und erinnert an Thales‘ „Wasser ist das Beste„. Also einfach nur ein weiterer, aus heutiger Sicht eher beliebig scheinender Urstoff? Statt Wasser eben einfach Luft? Mitnichten, denn Anaximenes verbindet im Grunde Thales und Anaximander miteinander, denn er sieht Luft als „Arche“, also Urstoff an, womit er Thales ähnelt, der ebenfalls ein Element zum Urstoff erklärte. Aber Luft sei nicht nur Arche, sondern auch „Apeiron“, nämlich unendlich, so Anaximenes. Luft ist eben überall vorhanden, dachte Anaximenes offensichtlich, und daher unbegrenzt, was in seiner Definition dem Apeiron entspricht. Mit dieser Spezifizierung des „Apeiron“ wirft Anaximenes einen gewichtigen Beitrag in den Ring, wenn es um die Deutung von Anaximanders Apeiron geht. Sein Beitrag ist deshalb so bedeutend, weil er als Schüler und Zeitgenosse von Anaximander direkten Zugang zu dessen Philosophie und Gedanken hatte. Vereinfacht gesagt: Niemand war so nah an Anaximander dran wie Anaximenes. Niemand konnte besser wissen, wie Anaximander das Apeiron gedacht hat: Ein konkreter Urstoff, der materiell existiert oder ein abstraktes Prinzip? Anaximenes hat es als konkrtene Urstoff interpretiert. Wir sollten diese Deutung nicht hauptsächlich kritisch beäugen und als vereinfachenden Rückschritt sehen, sondern sie als das verstehen, was sie ist: Die Fortentwicklung von Anaximanders Idee von jemanden, der Anaximander und seine Philosophie so gut kannte wie kein zweiter. Wenn sein eigener Schüler das Apeiron als konkreten Stoff versteht, deutet einiges darauf hin, dass Anaximander es so gedacht hat.

Stoffe wandeln sich

Wenn Anaximenes meint, alles sei aus Luft, meint er das auch genau so. Nach seiner Überzeugung wandelt sich Luft durch Verdichtung zu Wasser und dann zu Stein, durch Verdünnung aber zu Feuer. Alle Elemente sind also verschiedene Zustände von Luft. Natürlich wissen wir, dass das nicht stimmt. Trotzdem sollten wir es nicht bei dieser Sicherheit belassen, denn bei genauerem Hinsehen steckt doch ein wenig mehr dahinter. Anaximese führt hier die Idee der Stoffverwandlung ein, die später noch in der Physik eine große Rolle spielen sollte. Auch die Erde sei durch Verdichtung aus Luft entstanden und schwebe auf Luftströmen, genauso wie die Gestirne, die an einer Halbkugel entlang ziehen würden, die über die Erde gespannt sei. Dies sei der Himmel, so Anaximenes. Die Sonne aber wandere nicht unten um die flache Erde herum, sondern die Nacht entstehe, weil hohe Gebirge die Sonne zweitweise auf ihrer Wanderung verberge.

Es verwundert wenig, dass der Urstoff Luft laut Anaximenes göttlich ist. Damit greift er der sogenannten Pneumalehre vor, wonach Geist oder göttlicher Geist in Form von Luft existiere. Damit war in einigen Konzepten auch der menschliche Geist oder die Seele gemeint.

Anaximenes war also alles andere als ein bloßer Schüler des Anaximander. Ihm gelang die Synthese von Thales‘ und Anaximanders Ideen. Dabei gibt er uns auch einen gewichtigen Hinweis, wie Anaximanders Apeiron zu verstehen ist. Anaximenes hat aber darüber hinaus mit dem Prinzip der Stoffwandlung und der göttlichen, allgegenwärtigen Luft wichtige Prinzipien in die Philosophie eingeführt, die unter anderem Platon und Aristoteles aufgreifen und die Jahrhunderte vorhalten sollten.

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