Anaximander: Der Aufräumer

Vor gut 2500 Jahren hatte ein Mann eine Idee. Bis heute rätseln Philosophen und Wissenschaftler, was er eigentlich gemeint hat. Trotzdem sind sich alle einig: Er war einer der größten Denker der Menschheit. Wie kann das sein?

Der Mann hieß Anaximander und lebte, wie sollte es anders sein, in Milet, einem heute unbewohnten Flecken Erde an der türkischen Mittelmeerküste. Damals aber war die Stadt bedeutender Knotenpunkt zwischen Babylonien und dem mächtigen Ägypten. Außerdem war sie auch das Tor Kleinasiens zum gesamten Mittelmeer bis hin zur iberischen Halbinsel. Gehandelt wurden nicht nur Waren, sondern auch Ideen strömten durch diese exzellent vernetzte griechische Stadt. Kein Wunder also, dass ausgerechnet hier Gedanken entstanden, die noch bis heute auf uns nachwirken.

Der erste bedeutende Denker aus Milet war Thales, der kurz gesagt als erster das rationale Denken bewusst einsetzte, um zu Erklärungen über die Welt zu kommen. Der Mann, von dem heute die Rede ist, war eventuell sein Schüler, mit Sicherheit befanden sie sich aber in engem Austausch miteinander: Anaximander, der nur 13 Jahre jünger als Thales war und von 610-547 v. Chr. gelebt haben soll. Was aber war nun seine spektatkuläre Idee, die ihn unsterblich machte, obwohl ihre genaue Bedeutung nicht mehr mit Sicherheit rekosntruiert werden kann?

Der Urstoff allen Seins

Wie Thales und viele seiner Zeitgenossen war Anaximander auf der Suche nach einem Urstoff, aus dem alles Leben und alle Dinge hervorgegangen sind und bestehen. Thales hat das Wasser als solchen Urstoff definiert. Anaximander geht einen bedeutenden Schritt weiter, denn für ihn ist der Urstoff kein Menschen bekanntes Element oder Material, sondern viel mehr eine Abstraktion: das „Apeiron“. Aus dem Altgriechischen übersetzt bedeutet dies „das Unendliche“ oder „das Unbegrenzte“.

Nur ein kurzes Fragment seiner Schriften ist uns erhalten geblieben. Allerdings ist bereits dieses Fragment strittig, denn es gibt durchaus Zweifel, in welchem Ausmaß es Anaximander zuzschreiben ist. Die dünne Quellenlage erschwert also auch hier, wie bereits bei Thales, die Beschäftigung mit den Vorsokratikern. Trotzdem bleibt es faszinierend, sich mit den wenigen Sätzen auseinanderzusetzen. Diese einzige Primärquelle erklärt uns, was es mit dem Apeiron auf sich hat: „Anfang und Ende der seienden Dinge ist das Apeiron. Woraus … den seienden Dingen das Werden, in das hinein geschieht auch ihr Vergehen nach der Schuldigkeit; denn sie zahlen einander gerechte Strafe und Buße für ihre Ungerechtigkeit nach der Zeit Anordnung.“ Diese Sätze werfen eher Fragen auf, statt Antworten zu geben. Denn wie man sich das Apeiron konkret vorzustellen hat, ob es sich um ein existierendes Element bzw. Material handelt oder vielmehr um ein Grundprinzip allen Seins, ist unklar. Es existieren eine Vielzahl an Interpretationen, die aber alle eins gemeinsam haben: Bewiesen werden können sie alle nicht. Weitestgehend deutlich zu erkennen ist in diesem Satz aber die Idee des Ausgleichs und des Gleichgewichts in aller Existenz. Denn “ Woraus … den seienden Dingen das Werden, in das hinein geschieht auch ihr Vergehen nach der Schuldigkeit; denn sie zahlen einander gerechte Strafe und Buße (…)“. Es scheint einen Ausgleich zwischen den Elementen oder Gesetzen der Natur zu geben, der stetig wieder hergestellt wird. Anaximander wird damit als der erste bekannte Denker angesehen, der die Welt, die Natur und den Kosmos als geordnetes System auffasste, das nach dem Prinzip wechselnder Kräfte oder Substanzen und deren Ausgleich untereinander funktionierte. Zusätzlich hat er etwas nicht Sichtbares – das Apeiron – als Erklärung für sichtbare Ereignisse und Dinge angeführt, was ebenfalls als revolutionäre Neuerug angesehen werden kann.

In seinem Ausspruch liegt die Idee eines Kreislaufs im Leben und allen Dingen: “ Woraus … den seienden Dingen das Werden, in das hinein geschieht auch ihr Vergehen.“ Werden und Vergehen, Leben und Tod scheinen einen Kreislauf zu bilden. Heute sehen wir die Natur und den Kosmos ebenfalls als von Kreisläufen und Ausgleich geprägtes System, Nicht zuletzt das Leben selbst verstehen wir als Kreislauf, der sich auch in Grundüberzeugungen vieler Religionen ausdrückt, neben dem christlichen „Asche zu Asche, Staub zu Staub“ beispielweise auch in buddhistischen Überzeugungen der Reinkarnation. Aber nachfolgende Schriftsteller haben auch wesentlich konkretere Ideen Anaximanders an uns überliefert. Auch hier sieht er die Natur als von Ordnung und Prinzipien bestimmt an.

Ordnung im Chaos

Anaximander hat ein recht genaues Bild der Entstehung der Welt und des Universums entworfen. Aus dem Ewigen habe sich ein Wärme- und Kälteerzeugendes abgesondert. Daraus sei eine Feuerkugel gewachsen, die sich um die Luft legte, welche die Welt umschließt. Die Sterne am Himmel seien Endungen von Röhren, welche die Feuerkugel mit der Luftschicht verbinde. Die Erde wird demnach von zwei Schichten umgeben: einer Luftschicht, von der wir unseren Sauerstoff beziehen und darum herum einer Feuerschicht. Beide sind durch Röhren miteinander verbunden, Wenn wir in den Sternenhimmel schauen, sehen wir laut Anaximander das Feuer am Ende der Röhren leuchten.

So fremdartig uns dieses Bild auch anmuten mag, es geht doch immerhin von physikalischen Gesetzmäßigkeiten aus. Es ist daher wenig überraschend, das Anaximander den Begriff „Kosmos“, Altgriechisch für „Ordnung“ erstmals benutzte, um die Welt als Ganzes und das Universum zu beschreiben. Welt und Universum sind bei Anaximander erstmals eine auf Gesetzmäßigkeiten beruhende, logisch erfassbare Ordnung. Damit steht er im Gegnsatz zu vorherigen Deutungen der Welt, die sämtlich auf mythischen Erklärungen und dem Wirken von Göttern basierten. Er geht auch weiter als Thales, der zwar auch rational dachte, sich aber mit dem Element Wasser als Ursprung allen Seins nicht vom Mythos löste, in dem ebenfalls Wasser das lebenspendende Element war. Man kann also sagen, dass Anaximander Ordnung in das undurchschaubare göttliche Wirken brachte, als das die Welt und das Universum zuvor von den Menschen angesehen wurde. Er stellte erstmals Prinzipien und eine logische Ordnung im Universum fest. Entscheidend ist dabei nicht, ob diese Ordnung aus sich umschließenden Kugeln für uns Sinn ergeben. Entscheidend ist, dass er als erster die Welt und das Universum als prinzipiengeleitet und für den menschlichen Verstand erfassbar beschrieb.

Es ist daher nur folgerichtig, dass Anaximander nicht nur auch die erste bekannte geografische Karte von der Verteilung von Land und Wasser auf der Welt zeichnete, sondern auch den ersten Himmelsglobus, also einen Globus, der den Sternenhimmel abbildet, konstruiert haben soll. Wer seine Umwelt als ratioanl erfassbare Ordnung erkennt, kann diese abbilden.

Wir wissen, dass wir nichts wissen

Das zugleich Traurige wie auch Faszinierende an Anaximander ist, dass wir nahezu nichts Gesichertes über ihn und seine Philosophie wissen. Von seinen Schriften ist abgesehen von dem umstrittenen Fragment nichts erhalten. Erst 200 Jahre nach seinem Tod wurden durch Aristoteles seine Lehren dokumentiert und ausgelegt. Mit Simplikos von Kilikien lebte der nächste Autor, der uns Anaximander erklärt, sogar erst 800 Jahre nach dessen Wirken. Die gesamte Überlieferung von Anaximanders Gedankenwelt sezte also mehrere Jahrhunderte nach seinen Lebzeiten ein und ist deshalb äußerst unsicher. Wir müssen uns wohl damit abfinden, dass, wenn nicht überraschend neue Quellen entdeckt werden, Anaximanders Ideen nicht entschlüsselt werden können. Was er genau mit dem Apeiron gemeint hat, werden wir wohl niemals erfahren. Trotzdem sieht die Menschheit ihn als so bedeutend an, dass sogar ein Mondkrater nach ihm benannt wurde. Kaum eine Ehrung könnte angemessenr sein für den Menschen, über den wir nicht mehr wissen, als dass er als einer der Ersten unsere Erde und das Universum als planvoll erfassbares, geordnetes Ganzes erfasste.


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